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Wie man bei Kurzgeschichtenwettbewerben rausfliegt

Wer beruflich schreibt, der schreibt oft auch privat, denn er tut es gerne. Wer gerne schreibt, schreibt oft auch Kurzgeschichten. Wer Kurzgeschichten schreibt und über diese nach literarischem Erfolg strebt, macht früher oder später bei einem Literaturwettbewerb irgendeiner Art mit. Die Perspektive des Autors: Man schickt eine Story hin, die man vielleicht exklusiv für diesen Wettbewerb geschrieben hat, schickt sie ab, hört wochen-, teils monatelang nichts, erhält dann eine unverbindliche Absage (oder eben die Zusage, aber das ist naturgemäß etwas seltener)

Unlängst hatte ich die Möglichkeit, bei einem Wettbewerb selbst in der Jury zu sitzen. Und ich muss sagen: Das öffnet Augen. Der Wettbewerb wurde völlig überrollt, hunderte von Kurzgeschichten gingen ein. Beim Sichten und Bewerten stecke ich jetzt so bei 50 Prozent und stelle fest, dass sich mein Verhalten geändert hat. Während ich anfangs noch jede Geschichte las und jede Story auch nach mehreren Gesichtspunkten (nicht nur solides Handwerk, sondern zum Beispiel auch die originelle Idee) bewertete, lese ich jetzt nur noch den Anfang, ein Stück in der Mitte, und das Ende. Es geht nicht anders, die Zeit fehlt.

Unfair? Mitnichten. Denn einige Storys lese ich trotzdem komplett durch. Und nur diese bekommen (danach) eine hohe Bewertung. Das von mir erbrachte Opfer, auch die Mitte und das Ende zu lesen, ist eigentlich schon zu viel des Guten: Eine Geschichte, die mich nicht vergessen lässt, dass ich eigentlich keine Zeit habe, sie zu lesen, und zur Mitte springen muss, um vorwärts zu kommen, die kann nur Mittelmaß sein (gemessen an meinem Geschmack, versteht sich).

Während jene Geschichte, die ich unbedingt weiter lesen muss, einen verdammt guten Job macht.

Hier also die praktischen Regeln für Autoren, wie man sofort aus so einem Wettbewerb rausfliegt:

  • Ignorieren Sie den Ausschreibungstext: Ihre Story mag eine Themenverfehlung sein, macht das aber mit Ihrer Genialität wett, ganz klar.
  • Geben Sie sich keine Mühe mit dem Einstieg, der Juror als Leser muss ja auch erst warm werden.
  • Schreiben Sie das Offensichtliche, also möglichst die Story, die auf der Hand liegt und die Sie schon anderswo gelesen oder als Film und TV-Serie gesehen haben. Leser und Juroren lesen gerne 100 Mal die selbe bewährte Geschichte in den üblichen Standard-Kulissen.
  • Verwenden Sie viele Buchstaben. Wenn das Limit bei 10 Seiten liegt, dann machen Sie die voll. Randvoll. Gibt vielleicht Extrapunkte.
  • Tricksen Sie, um die maximale Seitenanzahl einzuhalten: Seitenränder auf 0cm, Schrift auf 7 Punkt. Und Blocksatz, das sieht irgendwie professionell aus.
  • Machen Sie große Absätze. Textstruktur ist was für Opfer, wahre Sieger schreiben ein Buch in einem Absatz. Auch Dialoge am besten en bloc schreiben. Spannung ist nämlich auch, wenn der Leser nicht mehr weiß, wer im Text wann was sagt.
  • Ihnen fällt kein interessanter Schluss ein? Einfach weglassen, ist eh überbewertet.
  • Sie haben eigentlich einen Roman angefangen? Auch kein Problem, Verleger verstehen das und muten Lesern einfach mal zehn Seiten Romananfang mit Exposé der Fortsetzung zu. Das liest man oft.

Ist natürlich Quatsch. Die wirklichen Regeln, also: um möglichst zu gewinnen, sind eigentlich solche, die jeder Autor beherzigen sollte (außer bei extremen Genres wie experimenteller Literatur), aber bei Wettbewerben werden sie noch wichtiger:

  • Sorgen Sie dafür, dass der erste Satz den Leser dazu zwingt, den zweiten zu lesen …
  • … und dass der zweite Absatz den Leser zwingt, den dritten zu lesen …
  • … und so weiter. Kurz: Dass bereits der erste Absatz den Leser am Kragen packt und nicht mehr loslässt. Und zwar nicht irgendeinen geduldiger Leser, sondern einen eiligen Leser. Ihr Leser ist einer, der dringend ins Bett will, aufs Klo muss, etwas ernsthaftes arbeiten sollte um seine Miete bezahlen zu können, lieber mit dem Kind was unternehmen würde, der jetzt lieber Sex hätte, der eigentlich die Welt retten müsste – aber während des Aufenthalts in Ihrer Story möglichst nicht kann, weil er mehr will, weil er nämlich Ihre Story weiter lesen möchte.
  • Bis zum zweiten Absatz, für den dasselbe gilt. (Und so weiter.)
  • Absätze, für die das nicht gilt, können sie gleich weglassen. Zack, raus! Jeder Satz, der den Leser – ergo auch den Juror – dazu bringt, ihn zu überfliegen, bringt ihn dazu, sich zu überlegen, ob er nicht auch gleich den ganzen Rest überfliegen könnte. “NÄCHSTER!”
  • Entscheiden Sie sich für ein spannendes Setting. Viele Storys, die ich gelesen haben, haben viel gewonnen, weil sie jenseits ausgelatschter Hotelteppiche wandelten, Personen ungewöhnliche (was oft heißt: besonders gewöhnliche!) Jobs gaben oder sie in interessante Epochen schickten und so weiter. Seien Sie im Himmels Willen einzigartig!
  • Mein Ratschlag zu Genre-Wettbewerben oder engen thematischen Vorgaben: Schreiben Sie ganz schnell drei bis fünf Beiträge zum Thema. Rotzen Sie diese lieblos runter. Schauen Sie sich dann an, was diese gemeinsam haben. Das sind die Klischees, die Sie meiden müssen, weil alle anderen ihnen auf den Leim gehen. Denn ich versichere Ihnen, dass 90% der Wettbewerbsbeiträge die erstbeste Idee verwenden. Schreiben Sie deswegen jetzt, hinterher, nach den Schnellschüssen, einen neuen Beitrag, einen, der nichts von alledem beinhaltet; einen Text, der der ganz anders ist, aber dennoch im Thema bleibt.
  • Sobald Sie beim Gegenlesen Ihres eigenen Textes das Gefühl haben, Sie hätten etwas Geschriebenes vor sich, eine Story oder gar einen “Wettbewerbsbeitrag”, sollten Sie erwägen, den Mist komplett umzuschreiben. (Das ist deutlich wichtiger als drei Rechtschreibfehler. Die verzeiht ein Juror nämlich, die sind sogar egal.)

Nennen Sie mich zynisch. Ich nenne mich hilfsbereit. Wenn ich als Juror so handle, dann handeln garantiert auch andere Juroren so. Sie wissen es nun. Wer selber mal bei einem Wettbewerb mitmachen will:

Eine letzte Sache noch: Sparen Sie sich aufwändige Biographien, vor allem solche, in denen Sie Ihre akademischen Karrieren, die fürs Schreiben hilfreich sein könnten, oder bestehende Erfolge (bei anderen Wettbewerben, etc.) aufzählen. Wer einen trostlosen Einstieg liest, in der Mitte nur Pfusch findet und am Ende eitle Prahlerei über sich ergehen lassen muss, dessen Urteil fällt unter Umständen noch harscher aus als ohnehin schon. Das mag tatsächlich unfair sein, aber es ist gewiss menschlich.

1 Kommentar

  1. Kena Maier Dezember 5, 2012

    Vielen Dank!

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